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Gold zur Krönung

von Andreas Urs Sommer

Gäbe es in der Numismatik Könige und Kaiser zu krönen, hätte Albert M. Beck die berechtigtsten Thronansprüche. Doch Albert M. Beck braucht keine Krone, um der unbestrittene Großmeister der numismatischen Vermittlung zu sein – mit der von ihm gegründeten Zeitschrift, der „Münzen-Revue“, mit seinen Büchern und mit der von ihm ins Leben gerufenen World Money Fair. Unabsehbar groß ist die Zahl derjenigen, denen er Wege zur numismatischen Leidenschaft gewiesen hat. Als einer aus dieser großen Zahl würde ich Albert M. Beck in Dankbarkeit gerne jede nur erdenkliche Krone zuerkennen. Da ich aber über keine Kronen verfüge, sei ihm wenigstens diese kleine numismatische Krönungsgabe zum runden Geburtstag dargebracht.

Im Jahr 1092 beschloss der byzantinische Kaiser Alexius I. (reg. 1081-1118), seinen fünfjährigen Sohn Johannes (II.) zu seinem künftigen Nachfolger zu machen. Aus Anlass der Krönung des Prinzen zum Mitkaiser ließ Alexius eine Serie von Sondermünzen ausbringen, die dieses denkwürdige Ereignis für die Mit- und Nachwelt dokumentieren sollte. Schon seit Jahrhunderten hatte es ähnliche Prägungen in Byzanz nicht mehr gegeben. Heute wecken die Stücke aus Alexius’ Krönungsemission in Blei, Billon und Elektron wegen ihrer Seltenheit und ihres außergewöhnlichen Münzbildes bei Sammlern Begehrlichkeiten.

Blei-Tetarteron. Vs. [...]. Die frontalen Halbfiguren des Alexius links und seiner Frau Irene rechts, zwischen sich ein langes, einfaches Kreuz haltend. Rs. [...]. Die frontalen Halbfiguren des heiligen Demetrius (?) links und des Johannes II. rechts, zwischen sich ein langes Labarum haltend. DOC 37. Gewicht: 4,45g, Stempelstand: 0'.

Blei-Tetarteron. Vs. [...]. Die frontalen Halbfiguren des Alexius links und seiner Frau Irene rechts, zwischen sich ein langes, einfaches Kreuz haltend. Rs. [...]. Die frontalen Halbfiguren des heiligen Demetrius (?) links und des Johannes II. rechts, zwischen sich ein langes Labarum haltend. DOC 37. Gewicht: 4,45g, Stempelstand: 0'.

Meist recht unansehnlich, weil schlecht erhalten sind die Prägungen in Blei, die wohl weniger als Zahlungsmittel denn als Erinnerungsjetons gedacht waren. Hier ein Exemplar aus Thessalonika.

Billon-Aspron-Trachy Vs. Christus rechts, der kindliche Johannes links frontal stehend. Christus mit Bart, Kreuznimbus, Pallium und Colobium; er krönt mit der Rechten Johannes und hält in der Linken Evangeliar. Johannes trägt Loros und Krone, hält in der Linken Kreuzglobus und in der Rechten Labarumszepter. Im Feld IC, rechts XC, darüber jeweils Ligaturstrich. Rs. Alexius frontal stehend links, seine Frau Eirene rechts, beide mit Loros und Krone (sie mit Zackenhaube), halten zwischen sich langes Patriarchenkreuz, Alexius außerdem in der Rechten Akakia. MBR 59.16. Sear 1916. Gewicht: 3,60g, Stempelstand: 30'.

Billon-Aspron-Trachy Vs. Christus rechts, der kindliche Johannes links frontal stehend. Christus mit Bart, Kreuznimbus, Pallium und Colobium; er krönt mit der Rechten Johannes und hält in der Linken Evangeliar. Johannes trägt Loros und Krone, hält in der Linken Kreuzglobus und in der Rechten Labarumszepter. Im Feld IC, rechts XC, darüber jeweils Ligaturstrich. Rs. Alexius frontal stehend links, seine Frau Eirene rechts, beide mit Loros und Krone (sie mit Zackenhaube), halten zwischen sich langes Patriarchenkreuz, Alexius außerdem in der Rechten Akakia. MBR 59.16. Sear 1916. Gewicht: 3,60g, Stempelstand: 30'.

Etwas erfreulicher sehen da schon die Billon-Prägungen aus. Hier ein Beispiel, das in Konstantinopel geprägt wurde.

Zwar sind auch – worüber noch zu sprechen sein wird – außerordentlich seltene Elektron-Prägungen vom selben Typ bekannt. Aber auch in Gold? Bisher Fehlanzeige!
Nun wurde in der Subabsta 271 des in Barcelona tätigen Auktionshauses Aureo & Calicó, S. L. im 28. Oktober 2015 unter der Nr. 4893 für kleines Geld ein Lot mit folgendem Bild versteigert:

Verdeckt von geringwertigen römischen und byzantinischen Kupfermünzen ist da ein Stück (kaum) zu erkennen, das höchstes Interesse verdient. Ein paar Wochen später, im Januar 2016 wurde dasselbe Stück mit falscher Bestimmung auf einer bekannten Internetplattform von HHC Holding History in De Pere, Wisconsin, USA, versteigert und zog auch da im Wust des digitalen Angebots kaum Aufmerksamkeit auf sich.

Gold-

Gold-"Hyperpyron". Vs. Christus rechts, der kindliche Johannes links frontal stehend. Christus mit Bart, Kreuznimbus, Pallium und Colobium; er krönt mit der Rechten Johannes und hält in der Linken Evangeliar. Johannes trägt Loros und Krone, hält in der Rechten Labarumszepter. Im Feld IC, rechts XC, darüber jeweils Ligaturstrich. Rs. Alexius frontal stehend links, Eirene rechts, beide mit Loros und Krone (sie mit Zackenhaube), halten zwischen sich langes Patriarchenkreuz, Alexius außerdem in der Rechten Akakia. Unediertes Unikum. Gewicht: 3,96g, Stempelstand: 30'.

Es handelt sich um nichts weniger als um die einzige bisher belegte, in Konstantinopel geprägte Goldmünze aus der Krönungsemission für Johannes II.

Die Münze wurde Frau Dr. Hiltrud Müller-Sigmund vom Institut für Geo- und Umweltnaturwissenschaften, Abteilung Mineralogie-Geochemie der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg zur metallurgischen Untersuchung vorgelegt. Hiltrud Müller-Sigmund hat am 26. Februar 2016 die Zusammensetzung des vorliegenden Exemplars mit einer Fehlerbandbreite von 2-3% wie folgt erhoben: „Nach meiner Analyse mit der Elektronenstrahlmikrosonde enthält die Münze ca. 60 Gew.-% Gold, 27-28 Gew.-% Silber und 7 Gew.-% Kupfer.“ Die Münze besteht also zu 60% aus Gold.

Aus der Krönungsemission von Johannes II. unter Alexius von 1092/93 sind, wie wir gesehen haben, bislang nur Elektron-Aspron-Trachea (Sear 1914), Billon-Aspron-Trachea (MBR 59.16 / Sear 1916) sowie Blei-Tetartera (MBR 59.22 und DOC 37) bekannt. Daher geht die Standardliteratur bisher davon aus, dass die große Münzreform, mit der Alexius I. 1092/93 die unaufhaltsame Entwertung des alten Gold-Solidus (Histamenon) eindämmte und das byzantinische Münzwesen auf eine neue Grundlage stellte, mit diesen Sonderprägungen einsetzte. Mit der Normalemission des Alexius I. ab 1093 kommen dann auf ein Gold-Hyperpyron von 21 Karat (87,5% Gold) drei Elektron-Trachea mit 5-7 Karat Gold (20-29% Gold, vgl. DOC IV/1, S. 193 und BNP II, S. 669). Vom Elektron-Aspron-Trachy der Krönungsemission sind bislang nur zwei Exemplare bekannt: eines in Dumbarton Oaks (DOC 21), das andere in der Bibliothèque Nationale Paris. Für das Pariser Stück (BNP El/03) gibt es eine metallurgische Analyse. Deren Ergebnis verwundert, denn mit 8 Karat (33% Gold) liegt der Feingehalt über der angeblichen Norm für das neue Nominal des Elektron-Trachy: „The Paris specimen gives a specific gravity reading suggesting a gold content of some 8 carats fine, which is high for the denomination, and which just may indicate that it was intended to form the third part of a theoretical pure gold coin rather than the third of a coin of some 21 carats fine, and therefore that it represents a brief preliminary phase of the reform“ (DOC IV, S. 194). Man mag sagen, 1 Karat sei eine tolerable Normabweichung. Nun aber weicht das hier neu vorgestellte Stück mit 15 Karat oder 60% Gold von dieser Norm um mehr als 100% ab, so dass es sich nicht um ein Elektron-Aspron-Trachy nach dem Standard der Münzreform handeln kann.

In der Forschung ist für die Krönungsemission eine später gut belegte und streng eingehaltene Norm propagiert worden – eben die Münzreform des Alexius –, die mindestens von zwei Dritteln des verfügbaren Gold-/Elektron-Materials, d. h. von zwei der drei Münzen nicht eingehalten wird. Und über die Zusammensetzung der dritten Münze in DOC wissen wir nichts. Eine solche Abweichung von der Theorienorm ist ein wenig zu groß, um diese Theorie glaubhaft erscheinen zu lassen. Eine andere Folgerung liegt nahe: Die Krönungsemission für Johannes II. ist offensichtlich noch gar nicht nach den Maßstäben der Münzreform des Alexius ausgebracht worden.
DOC IV, S. 214 führt mit † eine bislang nicht belegte, erste Hyperpyron-Emission an, die typologisch den Krönungs-Elektron- und Billon-Trachea entsprechend müsste. S. 193 heißt es dazu: „In Dumbarton Oaks Studies 12 the existence of the gold hyperpyron with designs appropriate to the ‘coronation’ coinage of 1092 was tentatively postulated – not least in the hope of ‘flushing out’ a previously unrecognized or unappreciated specimen from a collection. No such coin has yet appeared, and to this extent the case for its existence is thereby weakened.” Im Folgenden wird in DOC IV darüber spekuliert, dass zu Beginn vielleicht doch das aus DOC und BNP bekannte Elektron-Trachy „the highest denomination of the series“ gewesen sei, „perhaps as a brief initial phase of monetary reform, and that it was only very shortly afterwards (that is, by March 1093) that the new denominational structure was completed by the issue of hyperpyra of regular design, which both provided what was for certain fiscal purposes a triple-nomisma and for all others the standard coin.“ (DOC IV, S. 193) Jetzt jedoch haben wir mit dem hier vorgestellten Stück eine Münze, die zwar den doppelten Goldgehalt des Elektron-Trachy aufweist, der aber zu einem vollwertigen Hyperpyron nach neuer Reform-Norm noch 6 Karat fehlen.

Daraus sind zwei Schlüsse möglich: Entweder, dass die Krönungsemission noch gar keinen Nominalstandards gehorcht hat, sondern mehr oder weniger nach Gutdünken in unterschiedlichen Metallen produziert worden ist – da ohnehin nicht für den normalen Münzumlauf gedacht. Oder, dass die Münzreform des Alexius ganz anders begonnen wurde, als man bisher glaubte, nämlich mit einer Standardgoldmünze, die eher den heruntergewirtschafteten Histamena von Alexius’ Amtsvorgängern Michael VII. und Nicephorus III. entsprach, also noch keine neue Feingoldmünze war. Und diese Münze hätten wir hier vor uns: Ihr Wert ist nicht wie beim späteren Hyperpyron das Dreifache, sondern nur das Doppelte des Elektron-Trachy. Das würde wiederum den verhältnismäßig hohen Goldgehalt des Pariser Elektron-Trachy erklären, nämlich genau die Hälfte des vorliegenden Stückes. Übrigens sind die Stücke optisch gut zu unterscheiden: Das hier vorgestellte wirkt sehr golden, das Pariser Exemplar sehr silbern.

Das neuentdeckte Goldstück sei Albert M. Beck wenigstens in virtueller Form zum runden Geburtstag gewidmet.

Literatur
BNP: Cécile Morrisson, Catalogue des Monnaies Byzantines de la Bibliothèque Nationale, Paris 1970.
DOC: Alfred R. Bellinger / Philipp Grierson / Michael Hendy: Catalogue of Byzantine Coins in the Dumbarton Oaks Collection and in the Whittemore Collection, Washington D.C. 1966-1973, 2. Auflage 1992-1993, Bde. 4/1-2 und 5/1-2 1999.
MBR: Andreas Urs Sommer, Die Münzen des Byzantinischen Reiches 491-1453. Mit einem Anhang: Die Münzen des Reiches von Trapezunt, Regenstauf 2010.
Sear: David R. Sear, Byzantine Coins and their Values, London 2. Auflage 1987.

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