Geprägte Bilderwelten der Romanik

von Ursula Kampmann

5. Oktober 2017 – Es gibt viele Möglichkeiten, sich Münzen zu nähern. Man kann den Geldumlauf untersuchen, um Aufschlüsse über die Monetarisierung einer Gesellschaft zu erhalten. Man kann Horte analysieren, um die Chronologie der Münztypen besser zu verstehen. Und man kann, ganz altmodisch, sich die Münzbilder ansehen und sie deuten, um so die Lebenswelt ihrer Prägeherren und Nutzer zu rekonstruieren. Letzteres ist im Zuge der Archäologisierung der Geschichtswissenschaften ein wenig in den Hintergrund getreten. Umso schöner ist es, dass gleich drei große Institutionen sich zusammengeschlossen haben, um in einer Publikation zu zeigen, was den Münzbildern der romanischen Pfennige zu entnehmen ist.

Stiftung Bozner Schlösser (Hrsg.), Geprägte Bilderwelten der Romanik. Münzkunst und Währungsräume zwischen Brixen und Prag, Runkelsteiner Schriften zur Kulturgeschichte 11. Stiftung Bozner Schlösser. Bozen 2017. 409 S. Hardcover. 17,2 x 24,6 cm. ISBN: 978-88-6839-309-0. 48 Euro.

Stiftung Bozner Schlösser (Hrsg.), Geprägte Bilderwelten der Romanik. Münzkunst und Währungsräume zwischen Brixen und Prag, Runkelsteiner Schriften zur Kulturgeschichte 11. Stiftung Bozner Schlösser. Bozen 2017. 409 S. Hardcover. 17,2 x 24,6 cm. ISBN: 978-88-6839-309-0. 48 Euro.

Anlass dafür ist eine Ausstellung, die noch bis zum 6. Januar 2018 auf der „Bilderburg“ Runkelstein zu sehen ist. Verantwortlich zeichnet die Stiftung Bozner Schlösser. Und sowohl das Münchner als auch das Wiener Münzkabinett stellte Material zur Verfügung.

Hauptsächlich aus diesen drei Institutionen kommen auch die Spezialisten, die sich an die Auswertung machten. Wer in dem Katalog blättert, der dabei herausgekommen ist, dem gehen die Augen über. Jeder, der sich mit Brakteaten und Pfennigen beschäftigt, weiß um den künstlerischen Wert dieser romanischen Kleinkunstwerke, aber die Themenvielfalt, die hier geboten wird, überrascht denn doch. Man muss die Münzen eben zu deuten wissen und aus ihrem Zusammenhang interpretieren. Und dafür ist es notwendig, das mittelalterliche Material auch anderer Gattungen genau zu kennen. Alexandra Hylla und Heinz Winter stellen dies exemplarisch an einem Beispiel aus Regensburg dar. Ihre Forschung über die Parallelen zwischen der Metallarbeit des Buchkastens des Regensburger Uta-Codex und der (gleichzeitigen) Regensburger Münzstempel stehen nicht hinter dem zurück, was Numismatiker über den Zusammenhang zwischen antiken Gemmen und Münzstempeln herausgefunden haben. Das Beispiel zeigt, wie viel Forschungsarbeit hier noch zu leisten ist. Die Ergebnisse dürften uns nicht nur viel über die Organisation mittelalterlicher Münzstätten verraten, sondern auch Fixpunkte zur Chronologie manch seltenen Prägung geben.

Natürlich geht es im Katalog auch um (Münz)-Schätze. Schließlich sind sie ein Lieblingsthema der Menschheit. Aber Martin Hirsch betrachtet sie von einem ungewohnten Blickwinkel aus. Er zählt nicht Fundorte und Fundinhalte auf, sondern sieht nach, was zeitgleiche Quellen über sie verraten. Und damit nicht genug. Er schaut sich an, wie sie über der Erde aufbewahrt und transportiert wurden. Sein Beitrag verrät uns mindestens so viel über die Monetarisierung im Hochmittelalter wie eine vollständige Hortpublikation. Und für die Alltagsgeschichte des Geldes ist sein Aufsatz ebenfalls eine echte Bereicherung.

Was man auch von den Artikeln sagen kann, die exemplarisch zeigen, was man über die Interpretation von Münzbildern über historische Veränderungen erfahren kann. Martin Hirsch schreibt über „Machtverschiebungen in Bayern: die Münzstätten Regensburg und München-Freising“ und Martin Wihoda über „Die Böhmische Münzprägung als Geschichtsquelle“. Wie gerne würde man öfter solche hervorragend recherchierte Deutungen lesen!

Und natürlich gibt es auch für all diejenigen, die keine Zeit haben zu lesen, sondern Münzen bestimmen müssen, etwas. Einen Katalog, was sonst: Helmut Rizzolli und Armin Torggler liefern eine zitierfähige Zusammenstellung der bischöflich-brixnerischen Münzen aus den Münzstätten Brixen und Innsbruck, die nun das neue Standardwerk ist.

Im Internet soll man sich kurz fassen. Was diesmal besonders schwer fällt. Das waren gerade fünf von 15 Aufsätzen! Alle Autoren widmen sich ihrem Thema in einer Tiefe, wie man sie so häufig vermisst. Im Mittelpunkt des Katalogs stehen eben Fragen, die zeigen, was die Numismatik auch für eine breite Öffentlichkeit zu bieten hat. Wenn ich ein Buch zu empfehlen hätte, das einem geschichtlich interessierten Laien erklärt, warum mittelalterliche Münzen so unglaublich spannend sind: ich würde dieses wählen. Was nicht bedeutet, dass der arrivierte Fachmann nicht auch etwas daraus lernen kann. Schon die Fragestellungen, denen er hier begegnet, sollten ihn weiterbringen, wenn es darum geht, sein eigenes Material aus einem anderen, neuen Blickwinkel zu sehen. „Geprägte Bilderwelten der Romanik“ ist eines dieser Bücher, die an den Ursprung der Numismatik zurückkehren, als man Münzen als Objekte betrachtete, die als Zeugnis der Geschichte und Illustration der zeitgenössischen Literatur dienen konnten.

Die Numismatik tut manchmal eben ganz gut daran, wie die Humanisten „ad fontes“ zurückzukehren. Aber das war schon wieder eines meiner überflüssigen Ceterum Censeos.

Wir haben in der MünzenWoche über die Ausstellung berichtet. Sie dauert noch bis zum 6. Januar 2018 und ist auf jeden Fall sehenswert!

Nähere Auskünfte zu Öffnungszeiten, Preisen und Anfahrt finden Sie hier.

Burg Runkelstein und Bozen ist übrigens für jeden, der sich für Wirtschaftsgeschichte und Numismatik interessiert, einen Besuch wert. Wir schrieben darüber in einem unserer numismatischen Tagebücher.

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